André Wegmann
Todesschmeichler, allein für dieses Wort lohnt der zweite Blick auf André Wegmann. So heißt der zweite Fall seiner Reihe um Michael Jesko, und mit Die Scharen des Teufels, geführt als Ostfriesland-Thriller und Band 3, geht es düster weiter. Wer Ostfriesenkrimis sucht, die sich vom gemütlichen Ende des Genres fernhalten und stattdessen ins Unheimliche greifen, sollte sich diesen Namen merken.
André Wegmann und seine Ostfriesenkrimis um Michael Jesko
Zwei Bände verzeichnet die Werkliste, und beide Titel arbeiten mit einer Raffinesse, die im Reihengeschäft selten ist. Der Todesschmeichler ist eine Wortschöpfung, die im Kopf sofort eine Figur entstehen lässt: jemand, der sich einschmeichelt, der Vertrauen erschleicht, und dessen Nähe tödlich endet. Das ist ein anderes Täterprofil als der übliche Verdächtige mit Motiv, es verspricht einen Fall über Manipulation, und Manipulation ist in einer Region, deren Menschen als zurückhaltend, aber vertrauensvoll im engen Kreis gelten, ein besonders perfides Werkzeug. Wer sich hier einmal Zutritt zu Hof, Haus und Herz verschafft hat, dem wird nicht mehr auf die Finger geschaut, und genau von dieser Sicherheitslücke im ostfriesischen Sozialgefüge scheint ein solcher Titel zu erzählen.
Die Scharen des Teufels schlägt dann ein noch dunkleres Register an. Der Band firmiert ausdrücklich als Ostfriesland-Thriller, nicht als Krimi, und der Titel greift ins Religiöse, ins Dämonische. Das hat an dieser Küste durchaus Boden: Ostfriesland ist ein altes Kirchenland mit Aberglaubenstradition, vom Spökenkieken bis zu den Sagen um Moor und Watt, und ein Thriller, der die Scharen des Teufels aufmarschieren lässt, kann aus diesem Fundus schöpfen, ob die Bedrohung nun übernatürlich daherkommt oder sich als sehr menschliches Böses entpuppt. Die Spannung solcher Stoffe liegt gerade im Ungewissen dazwischen.
Michael Jesko ermittelt: die verzeichneten Bände
- Band 2: Todesschmeichler
- Band 3: Die Scharen des Teufels, Ostfriesland-Thriller
Zwischen Krimi und Thriller
Die Genre-Verschiebung innerhalb der Reihe, vom Ostfrieslandkrimi zum Ostfriesland-Thriller, ist eine Ansage an die Leserschaft. Hier wird nicht in erster Linie bei Tee und Deichspaziergang kombiniert, hier wird bedroht, gejagt und verstört. Für das Genre insgesamt sind solche Reihen ein Gewinn, denn sie beweisen, dass die Region mehr Register hergibt als die Postkarte: Dieselben stillen Dörfer, die im Cosy Crime zum Schmunzeln einladen, taugen mit anderer Beleuchtung zum Albtraum, die Weite wird zur Ausweglosigkeit, die Ruhe zur Lauer. Als Leser aus der Region kann ich bestätigen, dass eine Novembernacht am Deich beide Erzählungen trägt, es kommt nur darauf an, wer sie schreibt.
Die Bandzählung beginnt in der Werkliste bei der 2, es gibt also einen Auftakt vor dem Todesschmeichler, und über den Autor selbst macht die Liste keine Angaben, weshalb Biografisches hier unterbleibt. Die Empfehlung ergibt sich aus den Titeln: Wer nach der zehnten gemütlichen Inselreihe eine dunklere Gangart sucht, ohne die vertrauten Schauplätze zu verlassen, findet bei Michael Jesko den passenden Begleiter. Der Todesschmeichler ist dabei der naheliegende Einstieg, danach kann man sich den Scharen des Teufels stellen, am besten nicht direkt vor dem Zubettgehen, und mit dem beruhigenden Wissen, dass draußen vor dem Fenster nur der Wind an den Läden zieht. Vermutlich.
Von André Wegmann sind bisher folgende Werke erschienen: