Notruf Deichklinik. Wie ein Fels in der Brandung – Ostfriesland - Roman
Die junge Ostfriesin Jenna hat ihren geliebten Bruder verloren. Böse Zungen behaupten, sie habe ihn getötet. Auch dass die Auricher …
Eine Klinik hinterm Deich, Menschen in Ausnahmesituationen und eine Küste, die den Takt vorgibt: Dafür steht der Name Ednor Mier in dieser Werkliste, verzeichnet mit Notruf Deichklinik. Wie ein Fels in der Brandung, einem Ostfriesland-Roman. Wer auf dieser Seite sonst vor allem Ostfriesenkrimis findet, begegnet hier dem Schwestergenre der Region: dem Küstenroman, der statt der Leiche das Leben in den Mittelpunkt stellt, und der doch aus denselben Zutaten gebaut ist, Deich, Dorf, Gemeinschaft und Wetter.
Der Reihentitel Notruf Deichklinik ist ein kleines Kunststück der Verdichtung. Drei Worte, und man weiß, wo man ist: an der ostfriesischen Küste, in einem Krankenhaus, dessen Alltag vom Notruf bestimmt wird. Eine Klinik ist als Schauplatz für Regionalliteratur ideal, denn dort kommt zusammen, was sonst getrennt lebt, Insulaner und Urlauber, Alteingesessene und Zugezogene, und jeder bringt seine Geschichte mit auf die Station. Der Band trägt den Untertitel Wie ein Fels in der Brandung, und dieses Bild sagt bereits, welche Sorte Erzählung einen erwartet: Es geht um Menschen, die Halt geben oder Halt suchen, während um sie herum die sprichwörtliche Brandung tobt, beruflich, privat oder im Wortsinn, wenn draußen die Nordsee gegen den Deich läuft.
Auf einer Seite über Ostfrieslandkrimis mag ein Klinikroman zunächst wie ein Gast aus einem anderen Regal wirken. Tatsächlich sind die Verwandtschaften eng. Beide Gattungen leben von der Region als eigentlicher Hauptfigur, beide erzählen davon, was die Gemeinschaft an der Küste zusammenhält und was sie zerreißen kann. Der Unterschied liegt in der Zuspitzung: Der Krimi eskaliert den Konflikt bis zum Verbrechen, der Roman hält ihn im Menschlichen. Viele Leserinnen und Leser der Ostfriesenkrimis wechseln erfahrungsgemäß gern zwischen beiden Registern, nach drei Mordfällen tut ein Buch gut, in dem am Ende geheilt statt ermittelt wird. Und wer die Deichklinik-Welt kennt, weiß, dass auch dort die Dramen nicht kleiner sind, nur anders aufgelöst werden.
Das Bild vom Fels in der Brandung passt dabei zu einer Grundwahrheit dieser Landschaft. Ostfriesland hat den Umgang mit der Naturgewalt in seine Kultur eingebaut, der Deich ist das gebaute Versprechen, dass die Gemeinschaft hält, was der Einzelne nicht halten kann. Ein Roman, der eine Klinik zu diesem Fels erklärt, überträgt das Prinzip auf das Zwischenmenschliche: Es gibt Orte und Menschen, auf die Verlass sein muss, wenn es ernst wird. Das ist ein zutiefst ostfriesisches Erzählmotiv, und es erklärt, warum Küstenromane dieser Art bei Einheimischen wie Urlaubern gleichermaßen funktionieren.
Über die Person hinter dem Autorennamen gibt die Werkliste nichts her, und Mutmaßungen erspare ich mir. Festhalten lässt sich: Mit dem Band aus der Welt der Deichklinik ist Ednor Mier in einem Genre unterwegs, das die emotionale Seite der Küste bedient, dort, wo der Ostfrieslandkrimi die dunkle übernimmt. Wer nach der nächsten Krimilektüre einen Ausgleich sucht, ohne die Region verlassen zu müssen, findet hier den passenden Lesestoff: dieselben Deiche, dieselbe Nordsee, nur dass der Notruf diesmal Leben rettet, statt einen Mordfall zu eröffnen.
Die junge Ostfriesin Jenna hat ihren geliebten Bruder verloren. Böse Zungen behaupten, sie habe ihn getötet. Auch dass die Auricher …