Helga Ostendorf

Ostfriesland verstehen, das ist erstens der Titel eines Buches von Helga Ostendorf und zweitens ein Vorhaben, an dem Auswärtige seit Jahrhunderten arbeiten. Der Untertitel Berichte aus einem eigentümlichen Land zeigt, dass die Autorin die Aufgabe mit dem nötigen Augenzwinkern angeht: Eigentümlich ist als Beschreibung dieser Region nämlich weder Lob noch Tadel, sondern schlicht zutreffend, und wer hier lebt, trägt das Etikett mit einem gewissen Stolz.

Ostfriesland verstehen: Landeskunde für Leser von Ostfrieslandkrimis

Das Format der Berichte verspricht keine systematische Abhandlung, sondern Beobachtungen, und das ist für diesen Gegenstand die richtige Form. Ostfriesland erschließt sich nicht über Daten und Sehenswürdigkeitenlisten, sondern über seine Eigenheiten: die Teezeremonie mit Kluntje und Wulkje, die als förmlichste Beiläufigkeit der Welt daherkommt, die Schweigsamkeit, die Fremde für Unfreundlichkeit halten und die in Wahrheit Respekt vor dem Wort ist, das Vereinswesen vom Boßeln bis zum Schützenfest, die besondere Beziehung zu Deich, Wetter und Obrigkeit. Wer solche Dinge erklärt bekommt, versteht hinterher nicht nur die Region, sondern auch, warum ausgerechnet hier ein ganzes Krimigenre gedeiht: Die Ostfriesenkrimis leben von genau diesem Spannungsverhältnis zwischen verschlossener Oberfläche und dem, was darunter verhandelt wird.

Für die Leserschaft der Ostfrieslandkrimis ist ein solches Buch daher die ideale Begleitlektüre. Die Romane setzen vieles voraus, was Auswärtigen entgeht, warum die Teetied heilig ist, was ein Moin zu welcher Tageszeit bedeutet, wieso man dem Nachbarn seit dreißig Jahren nicht die Meinung gesagt hat und es trotzdem beide wissen. Berichte aus dem eigentümlichen Land füllen diese Lücken, und Einheimische wie ich lesen so etwas mit doppeltem Vergnügen: einmal, um zu prüfen, ob die Beobachtungen stimmen, und einmal, um die eigene Heimat mit fremden Augen zu sehen. Das ist übrigens der strengste Test, den ein Buch dieser Art bestehen muss, denn Ostfriesen merken sofort, wenn jemand über sie schreibt, ohne sie verstanden zu haben.

Die Titel im Überblick

  • Ostfriesland verstehen: Berichte aus einem eigentümlichen Land
  • Rätselhaftes Vietnam: Hintergrundwissen für Touristen und andere

Vom Deich nach Vietnam

Das zweite Buch der Werkliste führt denkbar weit weg und folgt doch demselben Prinzip: Rätselhaftes Vietnam liefert Hintergrundwissen für Touristen und andere, also wieder der Versuch, ein Land hinter seiner Oberfläche zu erschließen. Die Parallele ist reizvoll. Offenbar interessiert sich diese Autorin für Gegenden, die sich dem schnellen Zugriff entziehen, für das Rätselhafte und Eigentümliche, das Reiseprospekte glattbügeln. Ostfriesland und Vietnam haben auf den ersten Blick nichts gemeinsam, auf den zweiten immerhin dies: Beide werden von Besuchern gern unterschätzt und von Kennern umso hartnäckiger geliebt.

Über die Person der Autorin hinaus macht die Werkliste keine Angaben, und dabei bleibt es. Was zählt, ist der Nutzen für alle, die diese Seite besuchen: Wer seine Ostfriesenkrimis mit mehr Tiefenschärfe lesen möchte, wer vor dem Urlaub wissen will, worauf er sich zwischen Ems und Jade einlässt, oder wer als Zugezogener noch an der einen oder anderen Eigentümlichkeit knabbert, findet in Ostfriesland verstehen den passenden Schlüssel. Ganz verstehen wird man das eigentümliche Land vermutlich nie, das gelingt nicht einmal uns Einheimischen, aber ein gut beobachtetes Buch bringt einen erfreulich weit.

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