Nebel, Neid und Nachtgesang: Ostfrieslandkrimi
Ein Schrei, der nicht sein dürfte. Eine Melodie, die in den Tod lockt. Im Herzen des Ewigen Meeres, Deutschlands größtem Hochmoorsee …
Nebel, Neid und Nachtgesang, drei Worte, eine Alliteration, ein ganzes Programm: Der Ostfrieslandkrimi von Jörn Slieter trägt einen Titel, der aus der Masse der Genre-Etiketten heraussticht. Kein Mord im Titel, kein Ortsname, stattdessen eine Stimmung, und wer die Region kennt, weiß, dass genau diese drei Zutaten hier tatsächlich zusammengehören.
Man kann den Titel wie eine Rezeptur lesen. Der Nebel ist das Wetterphänomen, das Ostfriesland im Herbst und Winter regelmäßig in eine andere Welt verwandelt, wenn er aus den Kanälen und über die Wiesen steigt, schrumpfen die Entfernungen, Geräusche verlieren ihre Richtung, und der vertraute Weg nach Hause bekommt etwas Fremdes. Der Neid ist das Motiv, und zwar das ostfriesischste von allen, in einer Region, in der man traditionell nicht zeigt, was man hat, wird umso genauer registriert, was der Nachbar hat, der neue Trecker, das geerbte Land, der plötzlich sanierte Giebel. Neid ist hier ein stilles Gift, das über Jahre wirkt, und damit der geborene Krimistoff. Und der Nachtgesang schließlich gibt der Sache eine unheimliche, fast romantische Note, wer nachts an der Küste unterwegs ist, hört tatsächlich Stimmen, den Wind in den Leitungen, die Vögel im Watt, das Tuten vom Wasser her, und was davon Gesang ist und was Warnung, entscheidet die Fantasie.
Titel dieser Machart signalisieren eine bestimmte Sorte Regionalkrimi. Wo andere Bücher mit Ortsnamen und Mordvokabular werben, setzt dieser auf Klang und Stimmung, das deutet auf einen Krimi hin, dem die Atmosphäre mindestens so wichtig ist wie die Ermittlung. Das Genre der Ostfriesenkrimis hat beide Traditionen: die schnellen, seriellen Fälle mit klarem Schema und die atmosphärischen Einzelgänger, die sich Zeit nehmen für Landschaft, Milieu und Zwischentöne. Die Alliteration aus Nebel, Neid und Nachtgesang gehört erkennbar zur zweiten Schule, sie verspricht ein Buch, das man nicht nur wegen des Täters liest, sondern wegen des Tons.
Für Leserinnen und Leser ist ein solcher Einzeltitel eine angenehm unkomplizierte Angelegenheit. Kein Serienrückstand, keine zwanzig Vorgängerbände, sondern ein abgeschlossener Fall, der sich an einem Wochenende lesen lässt, idealerweise an einem, an dem draußen tatsächlich Nebel liegt, die Region liefert die passende Kulisse im Winterhalbjahr zuverlässig frei Haus. Gerade neben den großen Reihen des Genres, die auf dieser Seite reichlich vertreten sind, haben solche Solitäre ihren Wert: Sie zeigen, dass der Ostfrieslandkrimi mehr Register beherrscht als das Reihenschema.
Über den Autor macht die Werkliste keine weiteren Angaben, und dabei bleibt es, Spekulationen über Biografisches haben hier nichts verloren. Was sich festhalten lässt: Jörn Slieter hat seinem Ostfrieslandkrimi einen Titel gegeben, der im Gedächtnis bleibt und der die Region über ihre Stimmung erschließt statt über ihre Postkartenmotive. Wer beim Stöbern nach dem nächsten Küstenkrimi auf diese drei N stößt und kurz innehält, hat den ersten Beweis schon erlebt: Dieser Titel kann etwas, das viele nicht können, er klingt nach. Für ein Buch, in dem der Nachtgesang schon im Namen steht, ist das nur konsequent.
Ein Schrei, der nicht sein dürfte. Eine Melodie, die in den Tod lockt. Im Herzen des Ewigen Meeres, Deutschlands größtem Hochmoorsee …