Sören Prescher

Wittmund ist unter den ostfriesischen Kreisstädten die leiseste, weniger besucht als Aurich, weniger maritim als Leer, und genau dort platziert Sören Prescher seinen Fall: Mord in Wittmund, geführt als Ostfrieslandkrimi, Nordseekrimi und Küstenkrimi. Wer die Landkarte der Ostfriesenkrimis kennt, weiß, dass die Inseln und die Postkartenorte längst dicht besiedelt sind, ein Krimi, der ausgerechnet Wittmund zum Tatort macht, besetzt bewusst eine Lücke.

Sören Prescher und der Ostfrieslandkrimi Mord in Wittmund

Die Wahl des Schauplatzes verdient einen zweiten Blick. Wittmund liegt im Harlingerland, dem Nordosten Ostfrieslands, zwischen Aurich und der Küste bei Carolinensiel, eine Kleinstadt mit Umland aus Dörfern, Höfen und Geestrücken. Für Touristen ist die Stadt meist Durchgangsstation auf dem Weg zu den Sielorten und Fähren, für einen Kriminalroman ist sie damit ideal: ein Ort, der nicht von seiner Kulisse lebt, sondern von seinen Verhältnissen. Wo keine Promenade die Aufmerksamkeit bindet, rücken automatisch die Menschen in den Mittelpunkt, ihre Nachbarschaften, ihre Geschäfte, ihre alten Geschichten. Das ist die Sorte Realismus, die dem Regionalkrimi gut bekommt, ein Mord in Wittmund muss aus der Gemeinschaft heraus erzählt werden, weil es dort keine anonyme Masse gibt, in der ein Täter verschwinden könnte.

Die dreifache Genre-Einordnung des Titels, Ostfrieslandkrimi, Nordseekrimi, Küstenkrimi, steckt zugleich den Erwartungsrahmen ab. Die Nordsee ist von Wittmund aus nah, das Harlingerland gehört mit seinen Sielen und Deichen zur Küstenlandschaft, auch wenn die Stadt selbst ein Stück landeinwärts liegt. Leser bekommen also beides: die Atmosphäre der Küstenregion und einen Schauplatz abseits der üblichen Krimi-Hotspots.

Der Titel im Überblick

  • Mord in Wittmund. Ostfrieslandkrimi, Nordseekrimi, Küstenkrimi

Ein Einzeltitel als Entdeckung

Die Werkliste nennt für Sören Prescher diesen einen Ostfriesland-Titel, und dabei bleibt es hier, ohne erfundene Reihen und ohne ausgedachte Biografie. Für Leserinnen und Leser ist ein solcher Einzelband eine unkomplizierte Sache: ein abgeschlossener Fall, kein Serienrückstand, keine Verpflichtung über zwanzig Bände. Gerade in einem Genre, das von langlaufenden Reihen dominiert wird, haben Einzeltitel ihren festen Platz, als Zwischenlektüre, als Urlaubsbuch, als Test, ob einem der Ton eines Autors liegt.

Als Ostfriese freut mich an diesem Buch vor allem die Ehrenrettung für die stilleren Ecken der Region. Die großen Reihen des Genres haben Greetsiel, Norden und die Inseln fest im Griff, das Harlingerland taucht deutlich seltener auf, dabei hat es alles, was ein Krimi braucht: eine lange Geschichte, eine eigenständige Identität, die bis heute gepflegt wird, und jene Mischung aus Kleinstadt und weitem Land, in der jeder jeden kennt und trotzdem niemand alles weiß. Wer nach der Lektüre durch Wittmund fährt, wird die Stadt mit anderen Augen sehen, das ist die eigentliche Leistung eines gelungenen Regionalkrimis, und sie gelingt an unverbrauchten Schauplätzen am besten.

Für alle, die ihre Ostfrieslandkrimis gern komplett haben oder gezielt nach Tatorten abseits der Touristenpfade suchen, gehört Mord in Wittmund daher auf die Leseliste: ein Küstenkrimi ohne Küstenkitsch, angesiedelt dort, wo Ostfriesland am alltäglichsten ist, und gerade deshalb einen Kriminalfall wert.

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